Geschichte

Der Anfang des Stadtarchivs Tallinn (Reval) geht auf das Revaler Ratsarchiv zurück. Eine Art Registratur zur Verwahrung und Bereithaltung wichtiger Dokumente, die zunächst einen hohen praktischen bzw. juristischen Wert für die Stadt und ihre Bürger hatten, muss es bereits in der ersten Hälfte des 13. Jh. gegeben haben. Die ersten Verzeichnisse über die im Rathaus aufgehobenen Akten und Amtsbücher sowie ein Plan der Archivräume sind aus der zweiten Hälfte des 17. Jh. überliefert. Sichtung und wissenschaftliche Verwertung der Ratsarchivalien wurde in den 1840er Jahren vom Stadtsyndikus Friedrich Georg von Bunge, ehemals Professor an der Dorpater (Tartuer) Universität, in Angriff genommen.

 Als Gründungstag des Revaler Stadtarchivs gilt der 13. Oktober 1883 (1.10.1883 alten Stils). An diesem Tage stellte das Stadtamt (die Stadtverwaltung) Dr. Theodor Schiemann als den ersten ordentlichen Stadtarchivar an. Das neugegründete Stadtarchiv übernahm zunächst das alte Ratsarchiv (der Revaler Rat hatte mit der Einführung der russischen Städteordnung in den baltischen Provinzen im Jahre 1877 seine Kompetenzen als Träger der kommunalen Selbstverwaltung eingebüßt). Schiemanns Nachfolger Gotthard von Hansen veröffentlichte 1896 den Katalog des Revaler Stadtarchivs. In den Jahren 1924–1926 erschien dann die zweite, erweiterte und bearbeitete Ausgabe des Katalogs von 1896, der Tallinna linna arhiiwi kataloog / Katalog des Revaler Stadtarchivs. Das Ratsarchiv blieb für lange Zeit der einzige Bestand des Stadtarchivs. Erst seit den 1920er Jahren wurden weitere Archive übernommen: die der Stadtverwaltung (seit 1877) und verschiedener neuerer städtischer Behörden, Einrichtungen und Betriebe sowie der im Jahre 1920 aufgelösten Revaler Gilden.

Seit der Mitte der zweiten Hälfte der 1920er Jahre galt das Stadtarchiv Tallinn als eines der führenden Zentren der Geschichtsforschung in Estland. Maßgeblich war dabei die Arbeit von Dr. Paul Johansen. Dieser aus Reval gebürtige Däne, der in Leipzig studiert und promoviert hatte, wurde 1924 stellvertretender Leiter des Archivs und hatte von 1934 bis 1939 den Posten des Stadtarchivars inne. In den Jahren 1923–1939 sind insgesamt neun Quellenpublikationen des Stadtarchivs erschienen. Seit 1933 bestand beim Archiv der Verein für Geschichte der Stadt Tallinn. Bis zum Jahre 1937 fungierte das Stadtarchiv zugleich als Stadtmuseum. 1937 verließ das Archiv sein erstes Domizil – das historische Rathaus, und bezog das Haus Rüütlistraße (Ritterstraße) 8/10, das für Archivzwecke renoviert worden war.

 1940, im ersten Jahre der sowjetischen Besatzung, erhielt das Archiv einen neuen Namen und dementsprechend eine weitere Funktion – Archiv der Stadt Tallinn und des Landkreises Harju. Zwischen 1940 und 1999 wurden Name und Status des Archivs noch mehrfach geändert. 1975 wurde es sogar zu einem „staatlichen Zentralarchiv“ erhoben. Seine Zuständigkeit blieb jedoch im wesentlichen unverändert. 1989 wurde der historische Name Tallinna Linnaarhiiv (Stadtarchiv Tallinn) wieder offiziell in Gebrauch genommen, das Archiv zählte aber zunächst noch zu den staatlichen Archiven. Von November 1994 bis Ende 1998 war es als städtische Einrichtung der Stadtkanzlei unterstellt. Gemäß dem estnischen Archivgesetz von 1998 beschloss das Stadtparlament die Umgestaltung des Stadtarchivs zu einem städtischen Amt ab dem 1. Januar 1999.

 Gegen Ende der deutschen Besatzung (1941–1944), am 9./10. März 1944, brachte ein massiver sowjetischer Luftangriff dem Archiv schwere Verluste ein: Das Archivgebäude mit vielen, überwiegend neueren Beständen brannte aus. Der ältere Teil des Archivs war jedoch bereits früher ausgelagert worden und blieb verschont. Im Sommer und Herbst desselben Jahres veranlassten die deutschen Besatzungsmächte den Abtransport eines beachtlichen Teils des Ratsarchivs sowie einiger anderer Bestände nach Deutschland. Die Rückgabe des weggeführten Archivgutes an Tallinn kam erst im Oktober 1990 zustande.

 In den Jahren 1947–1973 war das Archiv im Haus Laistraße (Breitstraße) 40 untergebracht. In den Nachkriegsjahrzehnten dauerte noch die Übernahme des Schriftgutes der durch die Sowjets aufgelösten Institutionen an, die bereits 1940 begonnen hatte. In den 1960er Jahren gelangten die ersten Dokumente sowjetischer Behörden und Einrichtungen ins Archiv.

1973 wechselte das Archiv in die Tollistraße (Zollstraße) 8. Im Sommer 1989 kamen die neu restaurierten und für Archivzwecke hergerichteten Nachbarhäuser Nr. 6 und 4 dazu.

 Seit der Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit Estlands sind die Bestände des Stadtarchivs stark angewachsen. Besonders rasant war der Zuwachs in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, als zahlreiche Archive der aufgelösten städtischen Behörden der Sowjetzeit sowie mehrerer ehemals öffentlicher, in den 1990er Jahren liquidierter, privatisierter oder umgestalteter Einrichtungen und Unternehmen Tallinns übernommen wurden. Im Zusammenhang mit den Reformen der 1990er Jahre in Estland wurde ein Teil Bestände intensiv für praktische Zwecke, vor allem Restitution und neue Rentenregelung ausgewertet.

Viimati muudetud: 23.04.2012